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Und gut sieht’s aus….

Wie findet ein Alleweder aus den Niederlanden
über Abens bei Wittmund nach Hamburg?

Ein Reisebericht

Fotos zur Story auf den nachfolgenden link klicken

http://flickr.com/photos/21353630@N02/sets/72157603328580774/

Ein gebrauchtes Velomobil, das inzwischen legendäre ALLEWEDER, wurde in Makkum/Niederlande gebraucht gekauft, mit dem PKW meiner Schwester nebst geliehenem Anhänger (eines Stahl-Skulpturen-Künstlers) nach Abens bei Wittmund in Ostfriesland gebracht. Ein direkter Transport nach Hamburg schied aus Zeitgründen aus.

Wie geht es weiter? Das „Ding“ muss ja nun irgendwie nach Hamburg.

Ein Transport per Bahn schien angemessen – schließlich leben wir inzwischen fast ohne Auto – zumindest ohne eigenes – und versuchen, in der Stadt alles mit dem Fahrrad, und Fernreisen mit der Bahn durchzuführen.

Also – dem Internet sei Dank (www.bahn.de) Verbindungen rausgesucht und die drei beteiligten Gesellschaften ange-„mailt“, sie mit den Maßen des Alleweder bekannt zu machen. Würde diese Alu-Zigarre mit ihren stolzen 266cm Länge, 75cm Breite und 93cm Höhe in alle drei Züge passen?

Die Antworten von Nordwestbahn, Deutsche Bahn und Metronom fielen durchweg gelassen aus. Es sollte also gehen.

Auf einer früheren Fahrt im Metronom wurden schon einmal Fotos gemacht. Die Doppelstockwagen der DB sind baugleich – hier wurden keine Probleme ausgemacht. Auf der Hinfahrt dann die ersten Zweifel in der Nordwestbahn – größenmäßig zwischen Hamburger U- und S-Bahn. Moderne Aufteilung – sieht nett aus, hat aber irrsinnig viele Ecken und Stufen, die einen Transport eines solch sperrigen Gepäckstücks unmöglich erscheinen lassen. Platz ist eigentlich da – Klappsitze, die Stellplätze für Fahrräder und Gepäck freigeben, aber der Eingang ist relativ schmal – trotz Doppeltür – der Gang zu den Sitzen asymmetrisch angeordnet, will heißen: bei „Ausstieg links“ kann es gehen, bei „Ausstieg rechts“ ist die Kurve zur Tür dann vielleicht zu eng. (hätte einen Zollstock mitnehmen sollen…

Also musste ein neuer Plan her:

Der RE der DB fährt von Bremen über Oldenburg (dort war der Umsteigebahnhof zur Nordwestbahn) weiter über Leer, Emden nach Norddeich-Mole.

Da ich einige Jahre meines Lebens auf Langeoog verbracht habe, wusste ich, dass die Stadt Norden von Abens bei Wittmund einigermaßen nah zu erreichen sein sollte.

40 km, verriet mir die Landkarte.

Das ist also meine erste Strecke mit dem mir bisher nur durch eine kurze Probefahrt bekannten Alleweder. Wird das gehen?

Ich wusste, dass das Hinterrad ziemlich abgefahren war. Drum besorgte ich mir am Vorabend meiner Abreise dort einen Schwalbe Marathon Plus, Kettenschmiermittel, und eine Fahrradbrille. Dann wuchtete ich das Alleweder zum ersten Mal in die Werkstatt meines Schwagers – Reifenwechsel, Kette schmieren – naja, irgendwann ist hier wohl eine größere Reinigungsaktion oder ein Austausch nötig – und Überprüfung der Lichtanlage. Die war vom Vorbesitzer selbstgebaut und eher zum Gesehen-Werden, als zum Sehen konzipiert.

Eine erste Probefahrt im unfreundlichen ostfriesischen Nieselregen frustrierte; seltsame Geräusche und der Antrieb wurde schwerer. Bald entdeckte ich die vordere Ketten-Umlenkrolle, die ungehorsam die Kette nicht immer umlenken wollte.

Beim ersten Mal in leiser Panik, nervös mit der Taschenlampe im Nieselregen suchend, fand ich später im Laufe der 40km-Jungfernfahrt die Rolle bald „blind“ und konnte die Kette dann sogar schon während der Fahrt wieder einhängen.

Abends wollte mein Schwager mir die ganze Sache wieder ausreden. Natürlich war seine Idee, mit einem Leihwagen oder mit PKW und Anhänger nach Hamburg zu fahren vernünftiger – aber ich wollte meinen Plan nicht aufgeben.

„Wenn du dann in Dunum (4km) stehst: ruf an, wir holen dich ab und morgen geht’s per Auto nach Hamburg.“

Der nächste Tag

Gemütliches Frühstück – letzte Vorbereitungen:

- Taschenlampe ausgeliehen als Zusatzbeleuchtung vorne

- Rücklicht auf Holzlatte geklemmt, um in ca 1,20 m Höhe ein sichtbares Rücklicht zu haben

- Reiseproviant der treu sorgenden Schwester eingeladen: ein Brot, eine Tafel Schokolade, 1,5l Mineralwasser – Stauraum satt im Alleweder….

- Rohrzange und Landkarte

Dann ging es los!

Statt eines Tachos hatte ich mein GPS-Gerät dabei, in das aber die Strecke nach Norden nicht eingegeben war – zu dieser Strecke hatte ich mich ja erst auf der Hinfahrt entschlossen. Neues „Routing“ geht beim etrex legend nur am Computer (Metroguide).

Wie schnell ich auf Tempo 30 kam…. Wie gut, dass ich eine Pudelmütze dabei hatte, und: wie gut, dass ich mir die Fahrradbrille gekauft hatte. Der Körper bleibt angenehm warm, am Kopf tobt ein Orkan…

Mein Weg führte mich durch die endlose Weite Ostfrieslands. Meinem defensiven Fahrstil angemessen, nutze ich vorwiegend die Radwege an den Landstraßen – da, wo es sie gab. Fuhr ich auf der Straße waren überholende LKW meine „Freunde“, sie ziehen mich ganz schön mit im Wind – die anderen, im Gegenverkehr, lassen die Alu-Rakete ganz gut erzittern.

Als dann ein Mini-Trecker den Radweg blockierte, um das Gras neben den Straße zu mähen, wollte ich mich über das Gras vorbeischmuggeln – das klappte nicht, ich blieb stecken, die Kette sprang ab und der Treckerfahrer sprang aus seinem Führerhaus und wollte schieben helfen – echt nett, aber ich machte an dieser Stelle dann meine erste „Zwangs“-Pause.

Die Weiterfahrt bis Norden verlief störungsfrei – den Griff an die Umlenkrolle hatte ich ja inzwischen gelernt – Nach gut zweieinhalb Stunden lag Norden vor mir.

Eine ältere Frau, die ich nach dem Weg zum Bahnhof fragte, gab mir, offensichtlich vom seltsamen Anblick verwirrt, eine völlig falsche Auskunft, dass ich eine kleine Schleife durch Norden drehte. In einer völlig verkehrsberuhigten Straße ohne Radwege, eng mit alten Häusern bebaut, musste ein Autofahrer einfach mal hupen – so, wie ein Hund bellt, wenn er etwas sieht, was er nicht kennt….

Mittagspause im Schnellrestaurant. Jugendliche unterhalten sich über das davor geparkte Alleweder: „Ist das ein Fahrrad? Nein – oder doch? Ja, das ist ein Fahrrad. Das schneidet den Wind, da kriegste 50 bis 60 Sachen drauf….“

Am Bahnhof Norden kaufte ich mir eine Fahrkarte Norden-Bremen am Automaten, den Rest hatte ich ja, und zur Sicherheit zwei Fahrradkarten zu 4,50 Euro. Ich wollte die zweite Fahrradkarte als Argument gegen kritische Schaffner einsetzen, die vielleicht meinen könnten, dieses Fahrrad wäre so groß wie zwei normale. Unnötige Zweifel, wie ich später feststellen durfte.

Personal gab es nicht auf diesem Bahnhof. Der Fahrkartenschalter geschlossen, sonst niemand auf dem Bahnsteig. Wo mag das Fahrradabteil des RE liegen? Auf dem Wagenstandsanzeiger stehen nur die ICs.

Ich entschied mich für das Ende des Zuges…..Murphy ahoi…..

Der Zug fuhr ein, das Fahrradabteil war natürlich an der Spitze des Zuges. Jetzt war Laufschritt angesagt – Die anderen etwa 10 Fahrgäste waren längst eingestiegen, während ich bei der Ansage „zum Zug nach Hannover bitte einsteigen“ noch anderthalb Wagen vor mir hatte bis zum Fahrradabteil – mit dem Alleweder halbgebückt und „pfeilschnell“, naja, nicht wirklich, aber es reichte. Mit klopfenden Herzen und etwas außer Atem erreichte ich die inzwischen schon längst wieder geschlossene Tür, deren Knopf zum Öffnen allerdings in hoffnungsvollem Grün noch leuchtete. Puh! Alleweder rein, Tür zu, Abfahrt!

Gute zwei Stunden lagen vor mir. Entspannung bei Podcasts des WDRs aus meinem iPod – erste Fotos, Nase des Alleweder demontieren, da ich beim Einsteigen doch hier und da angeeckt bin.

Das Fahrradabteil war, bis auf eine Mutter mit Kinderwagen, leer. Keine Schaulustigen, keine neugierigen Fragen. Die Zugbegleiterin akzeptierte die Fahrradkarte ohne Wimperzucken.

Umstieg in Bremen. Gleis 1 runter – Schlangen vor dem Aufzug und die Unsicherheit, ob es nun wirklich da reinpasst. Anheben hätte man es auf jeden Fall müssen. Also: die Treppe runterhoppeln. Ich hatte mir Arbeitshandschuhe gekauft und konnte das Gefährt gut in der Luke festhalten, während es Stufe für Stufe, der Erdanziehungskraft folgend, die Treppe bezwang. Bei den Treppenabsätzen war kurzes, vollständiges Anheben angesagt, damit es nicht vorne aufsetzte.

Auf zu Gleis 10. Die Treppe wieder hoch, gegen die Gravitation? Wieder lange Schlangen vor den Aufzügen – Rolltreppen scheinen in Bremen noch nicht erfunden zu sein.

Also: Luft anhalten und das ganze Ding anheben und Treppe hoch. Dann eine rettende Stimme von hinten „Soll ich Ihnen helfen?“ Gerne. Auch meine Bemerkung über die fast 40 kg Gewicht (mit Gepäck) hielt den netten Herrn nicht davon ab, zünftig zuzupacken. Ruckzuck waren wir oben, während der Metronom gerade einlief. Dass hier das Fahrradabteil an der Spitze des Zuges liegt, wurde mit bereits per eMail mitgeteilt. Ganz entspannt führte ich den großen Alu-Hund neben mir her in das völlig menschenleere Fahrradabteil. Das war also das Umsteigen für heute.

Lokführerin und Zugbegleiter kamen: „Ist das 'ne Seifenkiste – nein, das ist keine Seifenkiste, doch das muss eine Seifenkiste sein!“

Bei der Fahrkartenkontrolle nach Abfahrt:

Ist das nun ein Fahrrad?

„Nja,…“ sagte ich, schon nach meiner zweiten Fahrradkarte kramend, „das ist ein vollverkleidetes Liegedreirad!“

"Ach – Fahrradkarte – an Ihrer Stelle hätte ich das Teil als Gepäckstück durchgebracht!"

Echt nett – übrigens fast immer im Metronom….

Eine Stunde 10 – Hamburg erreicht.

Auf dem Bahnsteig begegnete mir eine ältere Frau mit einem Enkel im Kinderwagen: „Mein Gott, was ist das denn? Ein Teil von einem Boot?“

Ich blieb ihr die Antwort schuldig.

Rolltreppe – völlig souverän mit Heck voraus – das war’s. Nun konnte ich den Bahnhof und das Thema Bahntransport verlassen.

Während ich, zum Schutz vor dem Hamburger Nieselregen unter einem Vordach stehend, die Nase wieder anschraubte, kam ein interessierter junger Mann, der offensichtlich begeistert von diesem Gefährt, intelligente Fragen stellte und dann wieder ging, sich noch einmal umdrehte und dann sagte: „und gut sieht es aus!“

Recht hat er!

Noch 12 km lagen vor mir – Nieselregen, Feierabendverkehr, Dunkelheit, schlechtes Licht (die Taschenlampe war inzwischen leer). Ich fuhr sehr gemütlich über die Brücke zwischen Binnen- und Außenalster, entlang der Fruchtallee und dann auf meinen durch zahllose Liegeradfahrten gut bekannten Nebenstraßen bis an den Stadtrand. Dem Innenstadtverkehr entkommen, gelangte ich an der S-Bahn Stellingen gerade in einen Schwarm von etwa 40.000 Fans, die zur Arena strömten. Da wir den gleichen Weg hatten, war wieder Schrittgeschwindigkeit angesagt – kein Problem mit einem Dreirad – sogar richtig gemütlich, trotz Nieselregen.

Ein kurzer Handyanruf zuhause bescherte mir einen fulminant gigantischen Empfang der gesamten Familie. Unsere drei Kinder (12, 8, 5) und die drei Nachbarskinder mussten natürlich sofort alle Probesitzen und Licht und Blinker ausprobieren.

Es war geschafft. 52 km selber gefahren, einige Stunden in der Bahn verbracht, ließen mich glücklich zur Entspannung in die Badewanne sinken.

Ich habe ein ALLEWEDER.

Fotos zum blog:

http://flickr.com/photos/21353630@N02/sets/72157603328580774/

1.12.07 00:24
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Bernd Illig / Website (1.12.07 08:40)
Herzlichen Glückwunsch und allzeit gute Fahrt zur glänzend aussehenden Blechtrommel! Man sieht sich im Velomobilforum

Grüße,

bernd i.


Lutz (1.12.07 23:36)
Hi Mana !

Glückwunsch zur überstandenen Jungfernfahrt !! Freue mich für dich... und für mich.... brauchte dich schließlich nicht aus Dunum abholen ;-)
Mit dieser Nummer hast du Miri und mich "infiziert".....wir waren heute in OL und haben uns Liegeräder angesehen. Das hast du jetzt davon....
Bis bald, viele liebe Grüße, Die Abenser


wolf (3.12.07 17:19)
Hallo Manuel,
echt klasse, Dein Bericht!
Meine Leitra hatte ich prosaischer mit der Blechkiste geholt, aber wenn ich mir in Dänemark die Verkleidung mache(n lasse), werde ich wohl auch mit der Bahn anreisen.
Lieber Gruß,
wolf

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